Kartoffeln nach Westfalen ist so etwas wie Eulen nach Athen tragen. Denn natürlich isst und schätzt man die vielseitigen Knollen in diesem bevölkerungsreichen Bundesland. Die Kartoffel gehört hier seit ihren frühesten Zeiten zu Eintöpfen und lokalen Spezialitäten wie dem "Lippischen Pickert". Der Maximilianpark in Hamm-Werries ist zudem ein ideales Veranstaltungsgelände, das sich am Wochenende 11./12. Oktober bei Kaiserwetter mit leuchtendem Herbstlaub von seiner schönsten Seite zeigte.
8000 Besucher ließen sich denn auch vom Kartoffelvirus anstecken und kamen, um zu schauen, riechen, zu schmecken und sich beraten zu lassen. Mitglieder des VEN aus ganz Deutschland und befreundete Kartoffelsammler zeigten in der Werkstatthalle, was Vielfalt bedeutet: Über 200 Kartoffelsorten waren ausgestellt, darunter viele historische Sorten, Sorten aus anderen europäischen Ländern, Raritäten aus Südamerika. Die Tische boten mit den rotschaligen, gelben und blauen Knollen einen bunten Anblick. Die Sammler tauschten und fachsimpelten über ihre Sorten. Welche gedeiht auf lehmigen Boden oder auf Sand besser, welche ist weniger krautfäuleempfindlich? Hat sie einen herausragenden Geschmack oder hat sie schöne Blüten? Interessierte konnten hier einige Knollen der selten anzutreffenden Sorten für den Hausgarten mitnehmen. Frau Höhn, Ministerin für Umwelt und Naturschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz in NRW, eröffnete am Samstag um 14:00 Uhr die Veranstaltung mit einem Grußwort. Darin sprach sie von der Bedeutung der Vielfalt bei Pflanzen wie bei Tierrassen und betonte, dass das Land NRW eine Vorreiterrolle übernommen habe, indem es bei der Landwirtschaftskammer Münster eine Referat eingerichtet hat, wo schon im dritten Jahr an einem Fördermodell für den Anbau und die Nutzung von pflanzengenetischen Ressourcen gearbeitet wird. Sie würdigte ausdrücklich die ehrenamtliche Arbeit des VEN und seiner Mitglieder.
Auf einem anschließenden Rundgang über die Veranstaltung erntete sie mit Schülern der Matthias-Claudius-Schule (Hamm) die blauen Kartoffeln, die die Kinder im Mai im Schulgarten gepflanzt hatten und besuchte einige Stände. Die Kinder waren angesprochen Kartoffeln mitzubringen, und zwar nicht die dicksten, sondern die lustigsten Knollen. Abgegeben wurden so witzige Figuren mit der Bezeichnung "Dolly Knolle", "Kaulquappen-Kartoffel" und "Raumstation Pegasus". Dafür gab es kleine Sachpreise. Im "Glaselefanten", dem Wahrzeichen des Maximilianparks, war in einer Textausstellung die Geschichte der Kartoffel nachzulesen. An einer Pinwand konnten die Besucher die Namen der Kartoffel in ihrer Sprache bzw. Mundart oder Dialekt notieren. Die Sichtung der Zettel ergab eine Benennung in vielerlei Dialekten und Sprachen von Grumbiere (Karlsruhe), Erpel (Heunsberg), Tüfften (Parchim), Appern (Oberlausitz), Pippers (Niederrhein), Erdbumser (Donaumoos), spuds (Australien), Ziemniaki (Polnisch), batata (portuguese), Pratai (gälisch), Amazambane (Zulu), Alu (Hindi, Indien) und chinesisch. Dies gibt Zeugnis, dass für den Tag der Kulturpflanze ein internationales Publikum angereist war.
In den Vorträgen wurde die Kartoffel von allen Seiten beleuchtet. Der Vortrag von Rüdiger Stegemann (VEN und attac): "Globalisierung und Frühkartoffeln" musste leider entfallen. Im Freigelände bot der "Markt der Vielfalt" den Besuchern allerlei Seltenes und Leckeres. Das Sortiment reichte von Speisekartoffeln, Blumenzwiebeln, Kräuter, Stauden, Bienengehölzen, Honig, Floristik und Gartengeräten bis zu antiquarischer und neuer Literatur. Leckere Kartoffelwaffeln bei den Landfrauen und Pellkartoffeln sowie die immer begehrten Pommes konnten verspeist werden, die Gastronomie bot als Spezialität blaue Trüffelkartoffeln mit Heringssalat an, der auch prompt am Samstag schon ausverkauft war. Für kleine wie auch ältere Kinder gab es ein abwechslungsreiches Angebot: In der Strohburg konnten sie nach Kartoffeln suchen oder beim Lagerfeuer Stockbrot braten, Kartoffeldruck machte auch den Kleinsten Spaß. Die Mitarbeiter des Schulbiologischen Zentrums hatten alle Hände voll zu tun. Am Stand des NABU gab es vielerlei Infos zur Natur und ihrem Schutz. BUKO-Agrar bot wiederum mit der Ausstellung Biopoly wertvolle Einblicke in die Zusammenhänge von biologischer Vielfalt und Welternährung. Die Helfer am VEN-Stand hatten immer viel zu erklären und zu beraten, sei es zu den dort angebotenen Kartoffeln, den farbenfrohen Tomaten oder der Arbeit des VEN. Ein Saatgutquiz und die Diskussion um die Gefahren der Gentechnik für die Sicherung der Sorten lockten viele Besucher an den Stand des VEN.
