Das Saatgutfestival 2015 weckt in Düsseldorf Interesse an der Sortenvielfalt

„Wo kann man die kaufen?“ Ungläubig staunend drängen sich Menschen um die „Blaue Anneliese“, die spektakulärste Sorte der Kartoffelausstellung auf dem Saatgutfestival in Düsseldorf. Die Frage ist bezeichnend, denn nichts, was hier gezeigt und angeboten wird, kann man anderswo kaufen. Nicht die „Blaue Anneliese“ und nicht die vielen hundert Gemüsesorten, die in kleinen Saatguttütchen abgegeben werden. Über 1000 Menschen sind deshalb am Samstag, den 7.3.2015 ins Geschwister-Scholl-Gymnasium geströmt, umlagerten die Stände und sprengten die Klassenräume, in denen es um Themen wie Saatgutgewinnung und Beerenobstschnitt ging.

Bilder vom Saatgutfestival oder bei Mutbürgerdokus

Die hier gezeigte Vielfalt ist vom Markt weitgehend verschwunden. Im Gartencenter gibt es von jedem Gemüse nur noch wenige Einheitssorten, und viele Gemüsearten sind nicht verfügbar. Der Markt wird dominiert von Hybrid-Sorten. Entnimmt man Samen von Hybridtomaten für die Aussaat im Folgejahr, dann ist das Ergebnis enttäuschend. Zudem verdienen daran oft Chemiekonzerne Lizenzgebühren. Die Vielfalts-Sorten vom Saatgutfestival hingegen sind frei von geistigen Eigentumsrechten und lassen sich weitervermehren, ohne ihre Eigenschaften zu verlieren.

Echte Vielfalt im Garten verspricht nicht nur Unabhängigkeit, sondern auch Freude am Gärtnern und Genießen. Beim Saatgutfestival stellten Besucherinnen und Besucher unermüdlich Fragen über Gemüseanbau und Samengewinnung, rätselten am Samenquiz und bauten bei schönstem Frühlingswetter im Schulgarten Hochbeete. Dass sich viele Initiativen aus der Region künftig weiterhin der Sortenvielfalt annehmen, hoffte der Parlamentarische Staatssekretär des Ministeriums für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen Horst Becker, der gemeinsam mit Norbert Czerwinski, Fraktionssprecher der Grünen im Rat der Stadt Düsseldorf,  das Festival eröffnet hatte. „Ohne die finanzielle Unterstützung der Stiftung Umwelt und Entwicklung Nordrhein-Westfalen und die zahlreichen ehrenamtlichen Helfer und Helferinnen, vor allem von den Kooperationspartnern Düsselgrün und dem Gemeinschaftsgarten, hätten wir es nicht geschafft,“ so Gerhard Roth vom der Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt (VEN).

Dass die EU-Kommission in Brüssel am Vortag ihren umstrittenen Vorschlag zum Saatgutrecht zurückgezogen hat, verbuchte der VEN als politischen Erfolg der Bürger und Bürgerinnen in Europa, die ihn jahrelang bekämpft hatten. Damit das derzeit gültige Saatgutrecht die frei vermehrbaren Vielfalts-Sorten nicht mehr behindert, sondern fördert, muss sich noch einiges ändern. Neben Bürokratiefreiheit für Vielfalts-Erhalter muss für Saatgutkäufer Transparenz über geistige Eigentumsrechte und neue gentechnikähnliche Züchtungsmethoden geschaffen werden. Damit die „Blaue Anneliese“ und die anderen Sorten wieder eine echte Chance bekommen.

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