Laudatio für Susanne Gura, Ehrenmitglied des Vereins zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt
Gehalten am 18. August 2024 im Poppelsdorfer Nutzpflanzengarten der Universität Bonn
Von Barbara Féret
Ich habe die große Freude, eine Laudatio auf einen außergewöhnlichen Menschen zu halten. Auf Frau Dr. Susanne Gura.
Mit ihr durfte ich einige Jahre in der recht ereignisreichen und manchmal auch sehr fordernden Vorstandstätigkeit in unserem Verein zusammenarbeiten. An dieser Stelle möchte ich auch erwähnen, dass in diese Laudatio neben den meinen auch die guten Erfahrungen anderer Mitglieder mit eingeflossen sind und dass an der Ausarbeitung Elvira Artmann mitgewirkt hat.
Die Mitgliederversammlung 2023 in Hamburg hat Susanne Gura die Ehrenmitgliedschaft verliehen. Anlass war die Beendigung ihrer 13jährigen Vorstandsarbeit und das Bewusstsein, dass ihr mit ihrem Einsatz dem Verein so viel gegeben hat, dass ihr diese Auszeichnung unbedingt gebührt.
Zum VEN kam Susanne Gura aus den übergeordneten, globalen Zusammenhängen, der internationalen Agrarforschung und deren Förderung. Sie war tätig als Beraterin für internationale Agrarpolitik, insbesondere zum Thema Biologische Vielfalt in der Landwirtschaft.
In ihrem Studium der Ökotrophologie an der Universität Bonn und einer anschließenden Zusatzausbildung hatte sie den Schwerpunkt der Entwicklungspolitik gewählt, ihre Dissertation mit einem Thema in der Agrarsoziologie gemacht und zwar zur Rolle der Frau in der ländlichen Entwicklung in Sumatra.
Durch diesen internationalen Ansatz ist sie zur Welternährungsorganisation FAO in Rom gekommen, hat 10 Jahre lang Agrar- und Entwicklungsministerien beraten, um dann in die Zivilgesellschaft umzusteigen und zahlreiche Organisationen bei Konferenzen zu Themen wie Klima, Vielfalt und Landwirtschaft zu vertreten.
Beruflich war sie vor ihrem Ruhestand zuletzt in dem globalen Netzwerk zivilgesellschaftlicher Organisationen APREBES tätig, das sich für Pflanzenzüchtung zum Wohle der Gesellschaft, die bäuerlichen Rechte auf pflanzengenetische Ressourcen und die Förderung der landwirtschaftlichen Biodiversität einsetzt.
Während dieser Zeit erkannte sie zunehmend die große Bedeutung der Zivilgesellschaft beim Schutz landwirtschaftlicher Biodiversität und wurde um die Jahrtausendwende sowohl Mitglied bei der GEH, der Gesellschaft zur Erhaltung der Haustierrassenvielfalt als auch beim VEN.
Als dann 2008 in Bonn, ihrer Heimatstadt, die Vertragsstaatenkonferenz der Konvention über Biologische Vielfalt stattfand, hat sie auf dem Münsterplatz einen Markt der Vielfalt organisiert, an dem Ursula Reinhard vom VEN teilnahm und so haben sich die beiden persönlich kennengelernt. Der Anfrage im Jahre 2009, ob sie für den Vorstand kandidieren möchte, ist sie, wie sie es selbst formuliert hat – sehr gern – nachgekommen.
Mit ihren vielfältigen Erfahrungen und ihrem umfangreichen Wissen war dies ein riesiges Glück für die weitere Entwicklung des VEN. Und von Anfang an hat sie sich mit enorm viel Kraft, Zeit und – auch Freude - für die Ziele und alle sonstigen Belange des Vereins eingesetzt.
Dabei hat sie das schon Bewährte und die Arbeit derer, mit denen sie bereits im Vorfeld zusammengearbeitet hatte, aufgegriffen und weitergeführt. Namentlich zu nennen sind etwa Weggefährten und Kollegen, die die Sache der Saatgutvielfalt ebenfalls auf den Weg brachten, wie Pat Mooney und Bernward Geier sowie Amtsvorgänger und -vorgängerinnen, wie Ludwig Watschong, unserer Vereinsgründer, der leider schon verstorben ist und unsere langjährige Vorsitzende Ursula Reinhard, ebenfalls Ehrenmitglied des VEN.
In ihrer Zeit als Erste Vorsitzende von 2009 bis 2022 konnte sich unser Verein als Organisation merklich konsolidieren und wuchs von 400 auf 1200 Mitglieder an. Susanne Gura hat sich dauerhaft um den Aufbau von geeigneten Strukturen, um spürbar konstruktive Zusammenarbeit und um die Dokumentation der Aktivitäten gekümmert, respektive diese verantwortet. Dadurch konnten viele Bereiche im Verein wachsen oder sich umstrukturieren.
Sie hat die beginnende Digitalisierung unterstützt, hierunter fällt z.B. der Aufbau der Online-Saatgutliste, die Modernisierung der Webseite und die Einführung der Software für die Mitgliederverwaltung sowie die Katalogisierung der Vereinsbibliothek. Seit der Corona-Phase dann auch weiter verstärkt die Online-Kommunikation.
Die zentral betreute Sortenerhaltung per Patenschaften wurde hin zum erfolgreichen, dezentralen Modell der Erhalterringe umgebaut, in denen nun auch einige Fremdbefruchter gemeinschaftlich erhalten werden. Die Anzahl der Regionalgruppen konnte sich verdreifachen. Den Aufbau der Fachgruppen und anderer Arbeitsgruppen, wie die AG Gemüse des Jahres und die AG Bildung hat Susanne Gura unterstützt und teilweise aktiv in ihnen mitgewirkt. Bildungsvorträge oder -seminare zu verschiedenen Erhalter- und Saatgutthemen in Präsenz oder Online fanden vermehrt statt.
Saatgutfestivals mit Märkten, Workshops und Vorträgen hat sie mit initiiert, organisiert oder daran teilgenommen. Diese sind inzwischen beliebte Feste des Miteinanders und des Kontakts zur Öffentlichkeit. Die Mitgliederversammlungen wurden mit ansprechendem Rahmenprogramm gut vorbereitet, durch die Einführung von Vereinsordnungen und der Satzung die Organisation des Vereins gestärkt, Jubiläumsfeiern des Vereins wurden organisiert, u.a. mit Vandana Shiva als Gastrednerin zu unserem 25 jährigen Jubiläum in Witzenhausen.
Das Mitgliedermagazin Blattwerk für die Kommunikation mit den Mitgliedern und die Pressearbeit für die interessierte Öffentlichkeit gediehen. Ehrenamtliche Verwaltungsarbeiten wurden vermehrt in bezahlte Arbeit überführt, wie dem Mitgliederbüro, dem Versand und dem Saatgutlager für die Ringsorten.
Dabei hatte sie immer die Vereinsziele, die Anforderungen des Finanzamtes sowie die Haushaltslage und die Mitglieder mit kleinem Budget im Blick. Der Mitgliedsbeitrag musste trotz zunehmender Aktivitäten in diesen Jahren nicht erhöht werden.
Bei all dem war Susanne Gura natürlich nicht alleine tätig. Sie hat immer Wert darauf gelegt, die Mitglieder zur Mitarbeit zu gewinnen, die sich in die für sie passenden Bereiche einbringen und dort entfalten können. Es ist gelungen. Die Qualität der Arbeit und das Renommee des VEN sprechen dafür Zeugnis.
Den vielen Aktiven gebührt an dieser Stelle ebenfalls großer Dank. Und Ich weiß, dass dieser Dank in ihrem Sinne ist, denn Respekt und Würdigung der Arbeit der Mitglieder war ihr immer wichtig. Vielfach haben die Aktiven sie positiv in Kommunikation und Arbeitsweise erleben dürfen: freundlich und unterstützend, respektvoll im Umgang, klar kommunizierend und gut strukturiert, dabei stets das Ganze im Blick behaltend; aufgeschlossen gegenüber neuen Ideen, aber auch überprüfend, ob sie mit den Vereinszielen übereinstimmen und sich an den Werten des Vereins orientieren.
Sie hat sich für Diskussionen Zeit genommen und wollte auf der Basis von Fakten überzeugen. Beschlüsse sollten zur Zufriedenheit aller gefällt werden können. Alle in die Entscheidungsprozesse einzubinden war ihr immer sehr wichtig. Der Umgang mit ihr konnte inspirieren.
Sie ist bekannt und geschätzt für ihr Wissen und ihren politischen Einsatz, ihre Kenntnisse der Prozesse und Vernetzung beim internationalen Verband zum Schutz von Pflanzenzüchtungen UPOV, den Vereinten Nationen, der EU-Gesetzgebung rund um Saatgut.
Susanne Gura ist wirklich eine Ausnahmepersönlichkeit.
Und wenn es etwas durchzusetzen gilt – sie gibt nicht auf.
Daher gab es auch Konflikte, was nicht ausbleibt bei starken Persönlichkeiten, die etwas voranbringen. Als zum Beispiel die Universität ihrer Heimatstadt Bonn ihren über 200 Jahre alten Nutzpflanzenlehrgarten überbauen wollte, hatte sie nicht mit Susanne Gura gerechnet. Was 2010 mit der Gründung einer Bürgerinitiative zur Erhaltung des Poppelsdorfer Nutzpflanzengartens begann, hatte 2017 Erfolg, als die Universität von ihrem Vorhaben Abstand genommen hat. Bis dahin waren viele Schreiben, Gespräche, Kontakte zu Mitstreitern und Mitstreiterinnen, Besuche, Resolutionen und Mobilisierungen notwendig. Sogar die Unterstützung des Protestes durch Vandana Shiva, Pat Mooney und GRAIN, drei Trägern des alternativen Nobelpreises, wurde eingeholt.
Alle Beteiligten sind nun um einen schönen Garten reicher geblieben.
Dieses Beispiel zeigt auch, dass sie zusätzlich zu ihrem Arbeitseinsatz für den VEN auch noch für andere Einsätze zum Schutz der Vielfalt zur Verfügung stand und steht. Maßgeblich mitgewirkt hatte sie z.B. auch 2009 bei der Gründung des „Dachverband zur Erhaltung der Kulturpflanzen- und Nutztiervielfalt“. Auch hier spielte dein Interesse an Kooperation, Vernetzung und politisch wirksamer Öffentlichkeitsarbeit eine zentrale Rolle. 2009 bis heute im Vorstand des Dachverbands erfüllt sie gemeinsam mit anderen dessen wichtige, zwischen Erhalterorganisationen und Behörden vermittelnde Scharnierfunktion.
Überhaupt Scharnierfunktion: Susanne Gura kann - wie kaum jemand - die übergeordneten Ebenen mit den kleinteiligen Angelegenheiten des Alltagsgeschehens verschränken, die politischen Notwendigkeiten mit dem Aufbau einer zivilgesellschaftlichen Entwicklung und umgekehrt.
Nichts bleibt bloßer Appell. Es gibt immer Lösungen.
Zum Ende ihrer Zeit im Vorstand konnte die Bildungsarbeit, neben der Erhaltungsarbeit das zweite wichtige Vereinsziel, spürbar weiter vorangebracht werden. Das orientierende Bildungsprojekt des Dachverbandes „Vielfalt bewahren – wie geht das“ hat sie schon 2016 ins Leben gerufen, die AG Bildung wurde im VEN gegründet, arbeitete daran weiter und bot nun auch viel besuchte Online-Vorträge an. Ausgehend von der Mobilen Saatgutbibliothek Schleswig-Holstein hat sie das Bibliotheksprojekt „Saatgut leihen – Vielfalt ernten“ auf Vereinsebene angeschoben, auch dies mit der Absicht, die Bildungsarbeit zur Vielfaltserhaltung in der Gesellschaft besser zu etablieren.
Über ihre Zeit als Erste Vorsitzende des VEN hat sie einen Bilanzartikel im Oktober 2022 verfasst, der im Blattwerk Nr. 37 veröffentlicht ist. Wer mehr zu ihrer Arbeit erfahren möchte, dem sei dieser Artikel ans Herz gelegt.
Zum Glück bleibt sie dem VEN in der Bildungsarbeit, in der Regionalarbeit und in der politischen Vertretung weiterhin als wichtige Stütze erhalten. Wir sind sehr froh, dass der VEN sie im Vorstand hatte und dass sie sich auch weiterhin innerhalb und außerhalb des Vereins für die Sache der Vielfalt und ihrer Erhalter und Erhalterinnen einsetzt.
Lebendig, ökologisch und unabhängig.