Geschmack der Regionen. Obst und Gemüse neu entdeckt!

So lautet der Titel der aktuellen Sonderausstellung im Deutschen Gartenbaumuseum Erfurt. Ziel der Ausstellung ist, viele Menschen, ob Haugärtner, Gemüse- und Obstanbauer, Schüler und Lehrer, Köche oder Restaurantbesitzer für die fast vergessenen regionalen Nutzpflanzen zu interessieren. Als Wanderausstellung konzipiert wird sie die nächsten Jahre an unterschiedlichen Orten gezeigt werden. In Erfurt läuft sie noch bis 31.10.2018, siehe https://www.gartenbaumuseum.de/sonderausstellungen.html 

Überdimensionale Pflanzenetiketten zeigen dem Besucher den Weg in die Räume der Sonderausstellung. Jedes Etikett zeigt ein Gemüse/Obst im Bild, dazu eine Kurzbeschreibung und wenn vorhanden, ein Döschen mit Saatgut. Texttafeln und Ausstellungskästen sind wie kleine Marktstände gestaltet. Farbig gestaltete Markisen führen durch die unterschiedlichen Themenbereiche.

Alte Welt: Gärten und Wälder

Schon im Flur folgen die ersten Info-Stände zum Themenbereich „Alte Welt“. Hier erfährt man, was die Menschen im Mittelalter gegessen haben. Das Sammeln von Wildfrüchten und Wildgemüse hatte noch eine fundamentale Bedeutung. Gärten wurden durch Zäune geschützt. Zank am Zaun um herüberhängende Äste gab es schon damals. Erste schriftliche Überlieferungen über die angebauten Arten gibt es im vielzitierten „Capitulare de villis“ von König Karl dem Großen. In den Klöstern entwickelten Mönche und Nonnen den Garten- und Obstbau weiter. Archäologische Funde in Latrinen- und Abfallgruben zeugen davon, was die Menschen früher aßen.

Neue Welt und ökonomische Aufklärung

Die Entdeckung der Neuen Welt hatte immensen Einfluss auf die Erhöhung der Artenvielfalt in der Alten Welt. Neue Nutzpflanzen gelangten nach Europa. Die kostbaren Pflanzen wuchsen zuerst nur an den Fürstenhöfen und in den ersten Botanischen Gärten der Universitäten. Gartenbücher wurden immer wichtiger zur Verbreitung des neuen Wissens. Die Landbevölkerung profitierte noch nicht von den neuen Früchten. Man begann aber damit, Wildpflanzen zu entnehmen, in Gärten zu kultivieren und auszulesen, um das Essen zu bereichern. Geschmacklich feiner Arten verdrängten andere, so wurde Melde und Gänsefuß durch den Spinatanbau verdrängt. Im 17. Und 18. Jahrhundert entstanden zahlreiche Landsorten. Ab 1800 erlebte die Pomologie, die Sortenkunde im Obstbau, einen großen Aufschwung. Man versuchte, die Sortenvielzahl zu beschreiben und zu ordnen. Da der Transport über Land für verderbliche Güter wie Obst und Gemüse immer noch beschwerlich war, entwickelten sich regionale Anbaugebiete. Bekannt sind die Vierlanden als Zulieferer für die Hamburger Märkte oder Spreewälder Gemüse, das bis nach Berlin oder Dresden verkauft wurde. An einer Hörstation im Museum kann man die lautstarken Ausrufe der Markthändler in typischem Dialekt und Tracht anhören.

Industrialisierung und globale Welt

Schon springt man im nächsten Ausstellungsraum ins 19. Jahrhundert. Das Thema hier lautet Industrialisierung und globale Welt. Der Ausbau der Verkehrswege Bahn und Straßen, erleichterte die Verbindung zwischen Land und wachsenden Städten. Es kam zu einem starken Bevölkerungswachstum. Die Fabrikarbeiter in der Stadt mussten vom ländlichen Umfeld mit Lebensmitteln versorgt werden. Obst- und Gartenbaubetrieb spezialisierten sich stärker auf einzelne Kulturen. Die Sortenvielfalt wurde eher als störend empfunden. Um den Handel und die Märkte zu ordnen, wurden zahlreiche Verordnung erlassen, die auch die Standardisierung der Früchte zum Ziel hatten. Solche Reglementierungen führten zum Verlust vieler Sorten. Eine Blechdose als wichtiges Ausstellungs-Stück zeigt, wie bahnbrechend diese Erfindung für die Konservierung von Obst und Gemüse war. Bis sie dank maschineller Herstellung zur Massenware wurde, wurde sie vom Klempner hergestellt und von Hand verlötet werden. Um die weiter wachsenden Städte mit frischem Obst und Gemüse zu versorgen, wurden große Markthallen gebaut. Mit dem Massenabsatz sanken die Preise, was wiederum zum Rückgang der Sortenvielfalt im Anbau führte. Dagegen wurden vermehrt Südfrüchte, meist auf Schiffen aus Übersee, importiert. Der Erste und Zweite Weltkrieg brachte eine starke Zäsur.

Zeitensprung: Von der Industrialisierung zur heutigen Globalisierung

Der Sprung ins 20. Jahrhundert wird in der Ausstellung durch den Gang durch einen Torbogen symbolisiert. Auf der einen Seite ist er bebildert mit Fotos, die Statements beleuchten wie „Vom Tante Emma-Laden zum Supermarkt“,  „Essen als Medizin“, „Regionaler Anbau heute“. Auf der Rückseite ist er mit Schwarz-Weiß-Fotos bebildert. Eine bedeutende Frage für die Ausstellung wird für den Besucher hier an einer Medienwand mit Einkaufswagen, Früchten und einem Handscanner gestellt. Hier kann man durch Scannen von Äpfeln und Tomaten den CO2-Fußabdruck für verschiedene Produktionswege aufrufen. Auch unser Einkaufsverhalten wird beleuchtet, was es für Auswirkungen hat, wenn wir mit dem Fahrrad oder dem Auto zum Einkaufen fahren.

Eingebaut in die geschichtlichen Epochen sind 14 Pflanzenportraits regionaler Gemüse –und Obstsorten. Auf einer Deutschlandkarte ist deren Anbaugebiet eingezeichnet. In Kurzportraits werden der Stand des Anbaues und historische Besonderheiten beschrieben. Leider kann das frische Gemüse oder Obst nicht ausgestellt werden oder gar verkostet. Veredelungsprodukte wie Erdbeerlikör aus Walderdbeeren oder Sauerkrautkonserven zeigen aber deren Verwendung. An einem nachgebauten Trieur kann man sich in der Trennung von Getreide und Linsen versuchen.

Obst und Gemüse mit Zukunftspotenzial

Die heutigen Raritäten schaffen vielleicht in Zukunft den Sprung zum Massenanbau. Auch Rukola war bis vor einigen Jahren noch unbekannt. Jetzt wird es eingeblistert ganzjährig im Supermarkt angeboten.  Hier werden beispielhaft vier Pflanzenportraits aufgebführt. Für Erfurt wird in der Ausstellung vom Slow Food Convivium Weimar-Thüringen regionale Erfurter Spezialitäten beigesteuert. Dargestellt werden die Brunnenkresse, Erfurter Puffbohnen, der Zwiebelzopf und die Süßkirsche ´Türkine`.

Begleitbuch

Die Begleitbroschüre zur Ausstellung umfasst 132 Seiten und ist im Museumsshop zu kaufen oder als pdf heruntergeladen werden:  Download der Begleitbroschüre

Die Ausstellung wurde aus Mitteln des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) gefördert. Das Deutsche Gartenbaumuseum zeigt als einziges Museum in Deutschland in seiner Dauerausstellung die Geschichte des Gartenbaues. Dazu kommen jährlich wechselnde Sonderausstellungen.

Text: Dr. Heidi Lorey, hlorey( a )t-online.de