Ehrenmitglieder

Ursula Reinhard

Verleihung der Ehrenmitgliedschaft anläßlich der Mitgliederversammlung 2012

Liebe Frau Reinhard, liebe Mitglieder,

wir haben heute die große Ehre, die Verdienste und Leistungen von Ursula Reinhard in einem Abschnitt ihres Lebens vor Augen zu führen, der dem Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt gewidmet ist.

Das Leben von Frau Reinhard ist geprägt von ökologischem Engagement, von Ausdauer und von Verantwortung.

Ihre Berufsausbildung wählte sie in der Pharmazie und schloss nach der Kinderpause ein Biologiestudium an.

Die Botanik stand dabei nicht im Vordergrund, sondern Gewässerökologie und -zoologie. Frau Reinhard war eine der Pionierinnen in diesem Fach und auch eine der ersten freiberuflichen BiologInnen. Sie bekam Aufträge in Dorferneuerungsprogrammen, und sie begann sich immer mehr für Landwirtschaft und Gartenbau zu interessieren. Von Freunden bekam sie eine frühe Ausgabe der VEN-Publikation „Samensurium“, hat sie interessiert gelesen, in den Schrank gestellt und wurde VEN-Mitglied. Das war 1994.

Frau Reinhard ist ein wissbegieriger Mensch und ging 1995 zu einem Vortrag des VEN-Gründers Ludwig Watschong. Außerdem suchte sie zu dieser Zeit nach einer neuen sinnvollen Aufgabe, denn ein schwerer Unfall hatte ihrem Leben eine neue Wendung gegeben, oder ihr sogar ein zweites Leben geschenkt.

Der VEN befand sich damals in einer Krise. Die Hälfte seiner Kräfte hatte den Vorstand verlassen. Frau Reinhard war am Morgen nach dem Vortrag in der anschließenden Mitgliederversammlung, trotz ihrer Vorbehalte gegenüber Vereinsmeierei. Es war ein Glück für den VEN, dass sie sich kurzfristig entschlossen hat, für den Vorstand zu kandidieren.

Sie bliebt 15 Jahre lang im Vorstand. Das war etwas völlig Neues für Frau Reinhard, und als Erstes musste sie den Verein bei einer Konferenz der Vereinten Nationen repräsentieren, nämlich 1996 in Leipzig.

Diese Jahre des Aufbaues waren spannend. Internet und Telefonkonferenzen waren noch nicht verbreitet, alles lief über die seltenen persönlichen Treffen.

 

Ursula Reinhard hat sich intensiv ans Sammeln, Beschreiben, Vermehren und Weitergeben von Sorten gemacht. Die Anzahl Sorten in der Samenliste wuchs jedes Jahr. Heute sind ca. 6000 Herkünfte von rund 800 Arten in der Datenbank, eine Menge, die kaum eine andere Organisation überbieten kann. Hinzu kommen die Beschreibungen, die in diesem Detail über viele andere Datenbanken weit hinaus gehen.

Ihren Wissensdurst hat sie auch mit Forschungen über die Gemüse des Jahres gestillt. Eine Bibliothek entstand.

Wichtig für Frau Reinhard ist aber auch ihre eigene Arbeit und Erfahrung mit den Sorten und der Austausch darüber mit anderen Menschen. Sie begann, Saatgutmärkte zu veranstalten, denn der Versand allein machte sie nicht zufrieden. Lieber ist ihr das Gespräch.

Dabei kann Frau Reinhard sehr oft richtig einschätzen, was die Menschen für den VEN beitragen können und wollen. Sie kommuniziert mit dem Herzen, könnte man sagen. Die Erfahrung zeigt – allzu genau auf Worte hören führt manchmal in die Irre. Was gemeint ist, das ist entscheidend.

Es kamen Ausstellungen hinzu, Vorträge, schließlich wurde der Tag der Kulturpflanze eingerichtet.

Die Saatgutliste kam dabei jedes Jahr heraus, und jedes Jahr umfangreicher. Mehrere Monate konzentrierter Arbeit sind dafür erforderlich. Diese Arbeit hat Frau Reinhard überwiegend allein gemacht, und zwar ehrenamtlich.

Rückschläge gab es dabei reichlich. Es war oft schwierig, neue Engagierte für die Vorstandsarbeit zu finden. Wer schreibt schon gern Protokolle, wenn er oder sie eigentlich gärtnern und Sorten pflegen möchte? Man überlegte, die Vereinsform aufzugeben, sich Arche Noah oder Pro Spezie Rara anzuschließen, und blieb dann doch als Verein bestehen. Ein großes Projekt des VEN, ein eigener Samengarten, stand kurz vor der Verwirklichung und scheiterte dann doch. Das Samensurium musste aus Zeitmangel oft verschoben und vieles andere Wünschenswerte konnte nicht umgesetzt werden.

Vor allem hatte Frau Reinhard zu wenig Zeit, ihren Einsatz zu dokumentieren und das Erreichte zu feiern. Kaum jemand wusste, dass die hoch qualifizierte Arbeit des VEN nur auf Ehrenamt basiert – viele staunten nicht schlecht, als sie davon erfuhren. Ursula Reinhards Arbeit ist genauso unbezahlbar wie die Nutzpflanzenvielfalt. Trotzdem ist zu wünschen, dass nicht alles immer nur ehrenamtlich bleibt, und daran arbeiten wir nebenbei auch.

Inzwischen gibt es kaum noch Aktivitäten, über die man sich nicht auf unserer Webseite, in unserem Mitteilungsblatt „Blattwerk“ oder im Jahresbericht informieren kann.

Frau Reinhard hat inzwischen ihre Vorstandsverpflichtungen abgegeben, nun kann sie sich viel besser auf die inhaltliche Arbeit, vor allem natürlich die Sortenerhaltung und Wissensvermittlung konzentrieren. Die Pflege und Weitergabe des Wissens ist ein wichtiger Bestandteil der Erhaltung. Frau Reinhard hat den neuen Spielraum intensiv genutzt, um zusammen mit anderen Aktiven die Sortenpatenarbeit zu entwickeln und Erhalterseminare anzubieten. Auch die Saatgutseminare werden jetzt intensiviert, und wir hoffen, dass sich der VEN bald auch in der Bildungsarbeit umfangreicher engagieren kann. Denn die wichtigsten Grundlagen der Samengärtnerei fehlen inzwischen fast völlig in unserem Bildungswesen. Kaum ein Kind weiß, dass man aus Bohnen oder Erbsen eine Pflanze ziehen kann. Ein Bohne macht nicht satt – eine Pflanze dagegen bringt so viele Bohnen, dass man daraus eine Suppe für die ganze Familie kochen kann. Bei der beruflichen und wissenschaftlichen Bildung genauso:

Ältere ExpertInnen bedauern heute, dass der Nachwuchs die Genome der Pflanzen viel besser kennt als die Pflanzen selber.

Nicht zu vergessen ist auch Ursula Reinhards Einsatz auf der politischen Ebene für die Erhaltung der Kulturpflanzenvielfalt in den Gärten und die Gentechnikfreiheit des Saatgutes. Sie hat sich für die Gründung der Interessengemeinschaft Gentechnikfreie Saatgutarbeit eingesetzt und auch für die Gründung des Dachverbands Kulturpflanzen- und Nutztiervielfalt, damit die politische Arbeit von mehreren Organisationen gemeinsam getragen werden kann.

In einer Zeit, die sehr stark vom Verlust der Sorten geprägt war, hat sich Frau Reinhard mit Energie dagegen gestemmt und viele Sorten über viele Jahre hinüber gerettet in die Gegenwart, in der endlich das Bewusstsein für deren Wert gewachsen ist.

Für Frau Reinhard ist Kontinuität wichtig, nicht einzelne Erfolge. Zu ihrer Herangehensweise gehört auch:

Wenn man positive Energien hineinsteckt, entwickeln sich die Dinge zum Positiven.

Liebe Frau Reinhard, es macht große Freude, aus Ihrem Leben zu erfahren. Die Ehrenmitgliedschaft des VEN ist das Wenigste, was der VEN tun kann, um sich bei Ihnen für ihren jahrelangen Einsatz zu bedanken.

Wir möchten Ihnen diese Ehrenurkunde überreichen.

(Susanne Gura, 1. Vorsitzende)

 

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